Warum wir Schönheit manchmal erst wahrnehmen können, wenn wir uns sicher fühlen (Teil 2/2)
In diesem Beitrag erkläre ich ein paar fachliche Hintergründe zu dem ersten Teil dieser Reihe. Schau dir gerne dazu den ersten Teil an: "Eine Blume, ein Schaf und der Wind - Was hat das mit deinem Nervensystem zu tun?" an.
Unser autonomes Nervensystem arbeitet ununterbrochen. Tag und Nacht.
Seine wichtigste Aufgabe ist nicht, dass wir glücklich oder entspannt sind.
Seine wichtigste Aufgabe ist, unser Überleben zu sichern.
Deshalb überprüft es fortlaufend und größtenteils unbewusst:
Bin ich hier sicher?
Diese unbewusste Einschätzung wird in der Polyvagaltheorie* als Neurozeption beschrieben. Noch bevor wir bewusst über eine Situation nachdenken können, hat unser Nervensystem bereits begonnen zu bewerten, ob gerade eher Sicherheit, Vorsicht oder Schutz gefragt ist.
Das geschieht nicht willentlich. Und es ist auch keine Frage von Disziplin oder positiverem Denken. Es ist ein biologischer Schutzmechanismus, der durch unsere bisherigen Erfahrungen geprägt wird.
Wenn das Nervensystem aktiviert ist, verändert sich unsere Wahrnehmung.
Vielleicht kennst du Tage, an denen du ständig funktionierst. Du organisierst, du planst, du reagierst und kümmerst dich um andere. Du versuchst, den Alltag irgendwie zu bewältigen.
Von außen wirkt das oft, als würdest du alles schaffen und als würdest du alles im Blick haben. Innerlich fühlt es sich jedoch ganz anders an.
Viele Frauen beschreiben dann:
eine innere Unruhe,
ständig kreisende Gedanken,
das Gefühl, nie wirklich anzukommen,
schnelle Erschöpfung,
oder das Empfinden, dass alles gleichzeitig zu viel wird.
Aus traumasensibler Sicht kann das ein Ausdruck eines Nervensystems sein, das über längere Zeit versucht hat, Sicherheit herzustellen.
Wenn unser Nervensystem stark mit Schutz und der Suche nach Sicherheit beschäftigt ist, richtet sich unsere Aufmerksamkeit automatisch auf das, was gerade wichtig erscheint: mögliche Herausforderungen, Anforderungen oder Gefahren.
Die feinen Dinge des Lebens treten dabei häufig in den Hintergrund.
Nicht weil sie nicht da wären, sondern weil unser Nervensystem sie im Moment nicht als überlebenswichtig einstuft.
Deshalb sehen wir die Blume vielleicht nur als Blume.
Wir hören den Wind, ohne ihn wirklich zu spüren.
Wir sehen nicht was noch so um uns herum passiert oder wer mit uns die Wiese teilt.
Wir leben mehr im Funktionieren als im Erleben.
Die traumasensible Perspektive lädt zu einer Frage ein:
Was versucht mein Nervensystem gerade für mich zu tun?
Vielleicht hast du gelernt, aufmerksam bleiben zu müssen. Sicherheit durch Perfektionismus oder Leistungsdruck herzustellen. Vielleicht wurde Nichtstun mit Bindungsabbruch bestraft. Vielleicht wurdest du nur anerkannt und gesehen, wenn du perfekt arbeitest. Sicherheit war für dich nicht selbstverständlich und das hat dein Nervensystem und somit dein inneres Erleben geprägt.
Dann ergibt es Sinn, dass Entspannung nicht einfach auf Knopfdruck entsteht.
Denn dein Nervensystem versucht, dich zu schützen, mit den Strategien, die ihm bisher das Überleben gesichert haben und zur Verfügung stehen.
Wenn du die Sprache deines Nervensystems nach und nach zu verstehen lernst und dein Körper lernt, sich zu entspannen, dann bleiben die Blume, der Wind und das Schaf nicht nur das, was du siehst, sondern auch das, was du spürst.
_________________________________
*Die Polyvagaltheorie ist ein hilfreiches Modell dafür, wie Körper und Nervensystem miteinander in Verbindung stehen. Wie jedes Modell darf auch sie sich weiterentwickeln. Für die Arbeit im traumasensiblen Coaching hat sie sich immer wieder als wertvoller Wegweiser gezeigt.

Kommentare